Semantik
Dependencies
Einführung
"Semantik", oder auch "semantischen Pfadgelgenheit" ist der Vorschlag, Sprache wie andere Infrastruktur zu behandeln. Allerdings ist "Semantik" nicht irgendeine Infrastruktur. Sprache ist die Infrastruktur des Denkens, Sprechens und Schreibens und von jeglicher kultureller Handlung also Handlung ansich (denn keine Handlung ist nichtkulturell). Sprache ist quasi unser Betriebssystem, das alle Unterscheidungen bereitstellt, mit denen wir die Welt betrachten und mit ihr interagieren.
Weil Semantiken semantische Pfadgelegenheiten sind, trifft alles, was ich in diesem Explainer über Pfadgelegenheiten und was ich in diesem über die Hebel:Fulcrums-Relation sage, auch 1 zu 1 auf die semantischen Pfadgelegenheiten zu.
Auch das Wort "Semantik" ist skalenfrei, passt also auf semantische Zusammenhänge jeglicher Größe, wie ich in "Im Dickicht der Bedeutung" zeige.
Vom „Links Blinken“ bis zur Geschichtswissenschaft, vom Stinkefinger zum experimentellen Versuchsaufbau, von Dark Metall bis zur Frühjahrskollektion. Die Art meine Hand zu bewegen ist Semantik, „Zeitgeist“ ist ein ganz bestimmtes Set an Semantiken, ein einziger Blick kann vor Semantik überquellen, jedes Liebespaar entwickelt eine intime Privatsemantik, selbst Grammatik ist eine Semantik und das, was ein Hund erfährt, wenn er durch den Wald läuft, umgeben von Millionen spannenden Gerüchen, ist ein Dickicht aus für ihn plausiblen Semantiken.
Wie andere Pfadgelegenheiten auch, sind Semantiken sind immer Teil eines Pfades. Ein Wort strukturiert die Übergangswahrscheinlichkeit zum nächsten Wort, ein Satz macht den nächsten Satz wahrscheinlicher, eine Geschichte muss immer anschlussfähig an bestehende Geschichten sein, usw.
Im Pfadgelegeheiten-Explainer schrieb ich, dass materielle Pfadgelegenheiten immer auch semantisch sind, aber zur Wahrheit gehört auch, dass alle semantischen Pfadgelegenheiten materiell sind.
In Wirklichkeit gibt es keinen ontologisch rechtfertigbaren Grund, zwischen "materiellen" und "semantischen" Pfadgelegenheiten zu unterscheiden. Jede Pfadgelegenheit ist immer beides: semantisch und materiell.
Der Grund, warum ich dennoch immer wieder von "materiellen" und "semantischen" Pfadgelegenheiten spreche und dafür sogar zwei unterschiedliche Explainer schreibe, ist der allein der Tatsache geschuldet, dass es für mich, aber auch für Euch ungewohnt ist, über Semantik als Infrastruktur nachzudenken.
Das hat einen einfachen Grund: Wir kommen aus einer Kultur des Individuums und das heißt, die Semantiken zur Beschreibung unserer Welt und von uns selbst, sind auf die Unsichtbarmachung der Sprache als Infrastruktur angelegt. Das führt zu sehr vielen impliziten Verwirrungen und Inkonsistenzen in unserem Sprechen und Denken. Das Individuum ist ein "Bug" in unserem Betriebsystem, der in einer sehr tiefen Ebene der Pfadabhängigkeiten unserer Semantik verbaut ist.
Wenn ich also von "semantischen Pfadgelegenheiten" spreche, grenze ich sie nicht gegen die materiellen Pfadgelegenheiten ab, sondern gegen eine Semantik, die Sprache lediglich als Kommunikationskanal denkt und ihre Effekte dem eigenen "Geist" oder der eigenen "Intelligenz" zuschreibt.
Dieser Explainer ist deswegen etwas anders, als die anderen Explainer, weil das vornehmliche Lernziel diesmal ist, "Bedeutung" zu verlernen.
Semantik
Die wesentliche Erkenntnis, die ich aus meiner tieferen Beschäftigung mit LLMs für das Böckler-Paper gewonnen habe, ist dass LLMs unserer Spracherwartungen als Fulcrum nutzen, um in unserer Aufmerksamkeit plausible Pfade zu hebeln.
Aber das tun auch wir, wenn wir sprechen und schreiben?
In Krasse Links No 74 geht es um Sprache und da führe ich Saussure, den Urvater der modernen Linguistik, so ein.
Alles fing damit an, dass der Schweizer Ferdinand de Saussure darauf kam, wie Sprache funktioniert: Als System von Differenzen. Die Rolle von Buchstaben besteht im Grunde darin, anders zu sein, als die anderen Buchstaben des Systems, damit man daraus Wörter bauen kann, die anders sind, als die anderen Worte, damit man mit den Worten Sätze bilden kann, die anders sind, als die anderen Sätze und so weiter.Die Zeichen selbst sind dabei „arbiträr“, das heißt, sie könnten auch ganz anders aussehen oder klingen, wichtig ist nur ihre Unterscheidbarkeit und ihre Eingebettetheit in das System.
Eine andere wichtige Unterscheidung von Saussure ist die zwischen "Parole" (angewendete Sprache/Sprechakt) und "Langue" (angenommene Spracherwartungen), weswegen ich mir erlaube, ihn relational materialistisch umzudeuten:
"Parole" sind die Hebel, die auf dem Fulcrum der "Langue" operieren.
Luhmanns Beobachtung der "Erwartungserwartungen" sagt nichts anderes, als dass unsere Erwartungen vernetzt sind und als Erwartungsraum die semantischen Bahnungen vorzeichnen, in den wir denken und sprechen. Diese Bahnungen sind Pfadgelegenheiten in den Erwartungserwartungen und bilden die zur Verfügung stehende semantische Infrastruktur, in der wir leben und uns ausdrücken und kreieren dabei eine spezifische Beobachterperspektive – die an einem spezifischen Ort zu einer spezifischen Zeit mit einem spezifischen Wissen ausgezeichnet ist.
Semantik ist die Infrastruktur, mit der wir uns in der Welt orientieren und "kommunizieren", mit der wir Wahrnehmen, Unterscheiden, Einordnen und Schlüsse ziehen und uns dabei beoachten und wechselseitig auf Pfade folgen.
Kommunikation
"Kommunizieren" geht so: Ich entwickle eine Erwartung an eure Erwartungen (Erwartungserwartungen) und nutze sie als Fulcrum, um mit semantischen Hebeln diese angenommenen Erwartungen einerseits in vielen Details zu erfüllen – (z.B. in dem ich Worte wähle, die ihr versteht), aber an entscheidenden Stellen versuche, sie auch zu irritieren. Das muss ich tun, um mich auszudrücken, also den Unterschied zu informieren, den mein Unterschied bedeutet. Mein Unterschied ist eine Erfahrung, die meine Erwartungskontinuität durchbrochen hat, so dass sie zur "Information" wurde und mittgeteilt werden will.Kommunikation funktioniert also als Hebel ähnlich, wie das Public Key Verfahren (Asymmetrische Verschlüsselung) in der Kryptographie. Das Public Key-Verfahren leveraged das Fulcrum veröffentlichter "Public Keys", um die Pfadgelegenheit einer wechselseitigen Ende-zu-Ende-Verschlüsselnten Kommunikation zu ermöglichen.
Stellen wir uns einen Public-Key-Server vor, der Public-Keys für jede Semantik (jede sprachliche und inhaltliche Erwartungserwartung, "die Semantik der Gesellschaft", wie Luhmann es nennt) vorhält, also jedes Wort, jede Aussage, jede Rhetorik, jede Andeutung, jede Theorie, jede Geschichte, usw.
Wenn Alice Bob etwas sagen will, greift sie sich mit jedem Wort, dass sie formuliert den passenden Public-Key in der Hoffnung, dass Bob den Private Key dafür hat (die erwartete Erwartung). Jeder Sprachakt ist ein Portfolio von auf einander aufbauenden Wetten, die hier die einzelnen Verschlüsselungen repräsentieren.
Der Keyserver ist aber nicht direkt öffentlich, sondern selbst Privat in Alice Kopf – ihre Erwartungen an Bobs Erwartungen sind ihrerseits Erwartungen. Und weil Erwartungen von Realität abweichen, führt sie für Bob einige Public-Keys, für die er keine Private Keys hat oder Private Keys, die die Semantik ganz anders entschlüsseln, als das, was Alice meint. Kommunikation geht oft schief geht und auf gewisse Weise immer, denn die beliehene Infrastruktur führt immer in undurchsichtige Pfade beim Gegenüber. Wenn der Pfad bricht, weil eine semantische Pfadgelegenheit nicht tragfähig war, misslingt Kommunikation.
Alice wird also versuchen, sich in ihrer Kommunikation an "gut abgehangene", d.h. gesellschaftlich mehr oder minder populäre Pfade zu halten, um die Kommunikation sicherzustellen. Die Verbreitungserwartung, also Hegemonilität des zugrifflichen Fulcrums (installed Base) einer Semantik entspricht ihrem Koordinationsnutzen – hence: Preferencial Attachment und Netzwerkeffekte.
Wenn ich also neue Begriffe einführe – zum Beispiel "Fulcrum", dann habe ich ein Problem. Die Verbreitung der Menschen, die ein zugriffliches Fulcrum für den Begriff haben, ist gering und es gibt bislang nur wenige, die dem Begriff Kredit geben, was die ansetzbare Hebelwirkung für mich erstmal verringert.
Was ich in diesem Text deswegen versuche ist, mich mit wachsenden Hebeln von Fulcrum zu Fulcrum zu schwingen. Ich führe den Begriff möglichst einfach ein, zweige seine Nützlichkeit in verschiedene Zusammenhängen ab, indem ich sie jeweils im nächsten Schritt leverage, um etwas zu erklären, um damit die nächst komplexere Verwendung des Begriffs "Fulcrums" zu beleihen, usw. Mit jeder Anwendung, mit jedem Kontext – so meine Hoffnung – wird nicht nur das Verständnis des Begriffs erweitert, sondern der Begriff auf einem abstrakteren Level "geschärft" und generalisiert und wird damit mit immer mehr Kredit versorgt, so dass er immer "beleihbarer" wird, so dass ich immer größere Hebel daran ansetzen kann, usw.
Ein Teil des Kredits erhoffe ich mir allerdings nicht nur aus der Wiederholung, sondern aus der Differenz der Kontexte in der Wiederholung. Und die Kontexte sind ebenfalls nicht beliebig, sondern versuchen auf beleihbaren Erfahrungen und Beschreibungen der Welt zu hebeln, die jeder für sich in ihrer Plausibilität prüfen mag.
Doch das ist auch riskant. Wenn die Beispiele nicht überzeugen, wenn das Narrativ versagt, wenn die geleveragten Kontexte also brechen, dann bricht das Fulcrum, zumindest ein bisschen. Deswegen bin ich auf Feedback gespannt. Die Theorie ist neu, da sitzt noch nicht jede Schraube fest, aber mir scheint jetzt schon, dass der Begriff durch die Verteiltheit und Unterschiedlichkeit der der Kontexte, den Eindruck von Belastbarkeit ungewöhnlich schnell akkumuliert, und deswegen scheint mir, dass ich hier mehr als nur einer Metapher der Spur bin, sondern einem sichtbaren und auch fühlbaren Zusammenhang, der sich in den unterschiedlichsten Kontexten reproduziert.
Wenn die Wette aufgeht, hoffe ich auf dem sozialen Layer der Erwartungserwartungen, dass euch, den Leser*innen, der Begriff mit jeder Iteration schlüssiger und intuitiver wird, vielleicht nützlich erscheint und von manchen von euch sogar adaptiert wird. Ich schaffe hier also Anlässe, um euch zu motivieren, in den Begriff zu investieren (Aufmerksamkeit, Integration ins eigene semantische Pfadgelegeneits-Portfolio), dem Begriff Kredit zu geben und mal schauen, welche Pfadgelegenheiten er euch ermöglicht.
So entstehen immer mehr Anlässe für andere, selbst in diesen Begriff zu investieren und die jeweiligen Kredite, der jeweiligen Pfadgelegenheiten beleihen sich beim Wachstum immer stärker gegenseitig (Netzwerkeffekte) und was ich hier die ganze Zeit eigentlich mache, ist euch die semantische Investitions-Pfadgelegenheit "Fulcrum" schmackhaft zu machen, denn natürlich hab ich auch was davon, wenn der Begriff "Fulcrum" ein größeres Fulcrum bekommt, denn je größer das Fulcrum, desto größer wirken rückblickend diese semantischen Hebel hier.
Iteration
Auch Derrida hat darauf hingewiesen, dass wir uns immer bei den semantischen Infrastrukturen verschulden, wenn wir sie benutzen. Wenn ich hier zum Beispiel den Namen "Derrida" iteriere, erreicht das Menschen mit bestimmten Erwartungen. Manche winken vielleicht ab, manche haben den Namen noch nicht gehört, andere werden aufmerksam. Aber egal, wie die Reaktionen sind, sie basieren auf Erwartungen (oder der Abwesenheit von Erwartungen) die sich entlang von "Erfahrungen" strukturiert haben. Manche kennen den Namen aus der Zeitung, aus Büchern, aus Debatten, Erwähnungen, manchmal sogar über die Werke selbst.
Und hier ist der Clou: Zwar kenne ich diese anderen Zusammenhänge, aus denen ihr "Derrida" kennt, nicht, aber ich "leverage" die Einschätzung, dass bei "vielen" eine "gewisse" Derrida-Erwartung da ist, als zugriffliches Fulcrum (damit implizit der materielle Korpus seiner Texte, Sekundärliteratur und seine Wikipedia-Page), um euch etwas neues (oder vielleicht nicht) über Derrida sagen zu sagen. Dafür "verschulde" ich mich bei der semantischen Pfadgelegenheit "Derrida", weswegen ich peinlich darauf bedacht bin, ihr hier auch "gerecht" zu werden, eine "gültige", mindestens eine "akzeptable" Iteration anzubieten.
In KL74 schrieb ich weiter:
Auch Derrida baut auf De Saussure auf, aber radikalisiert ihn, indem er darauf aufmerksam macht, dass das Zeichen neben der Differenz noch eine weitere, vertrackte Pfadabhängigkeit mitbringt: und das ist die Wiederholbarkeit. Wiederholung heißt aber immer auch Alternierung, denn keine Erscheinungsform und kein Kontext des Zeichens ist je wieder dieselbe. Jede Wiederholung ist somit eine Iteration, die einerseits die Generalisierung der Unterscheidung bestätigt, aber durch die Alteration von Kontext und Form immer schon eine Art Meta-Differenz („Differance“, mit „a“ statt „e“) in sich trägt, die die „Identität des Zeichens“ spaltet und seine Bedeutung aufschiebt.Die Iteration – also die Alternierung und gleichzeitige Wiederholung des Zeichens – ist die materielle Grundlage des Bedeutens. Aber eigentlich können wir nicht mehr von „Zeichen“ und „Bedeutung“ sprechen, denn diese Begriffe werden instabil. Denn wenn „Bedeutung“ nicht im Zeichen ansich, sondern in der Differenz der sich wiederholenden Alterationen im jeweiligen Kontext liegt, dann gibt es keine abgeschlossene „Bedeutung“. Bedeutung bleibt für Alternierung und damit für die Zukunft offen. Für immer aufgeschoben. Wegen dieser Dekonstruktion des Zeichens wird Derrida auch dem Post-Strukturalismus zugeordnet (wobei das alles Fremdzuschreibungen sind, gegen sie sich alle Betroffenen stets gewehrt haben).
Es gibt in der Sprache – wie in der Ökonomie – zwei Pfade:
Der horizontale Pfad des Sagens/Hörens/Lesens/Schreibens reiht die Tokens/Worte nach Übergangswahrscheinlichkeiten organisiert als "plausible Reihenfolge" an und der vertikale Pfad versorgt jeden einzelnen Token/jedes einzelne Worte mit "Bedeutung" und zwar durch Anreicherung leveragebarer Spracherwartung aus den Iterationen erinnerter Sprachakte.
Und weil Semantiken pfadabhängig sind und der "Sinn" und damit der "Wert" von "Derrida" ganz viel andere semantische und teils auch ökonomische Infrastrukturen basieren, ist jede Iteration von "Derrida" auch immer eine Wette auf die Gesamtinfrastruktur und setzt sie einem gewisse Risiko aus.
Ich bilde mir nicht ein, diese Infrastruktur beschädigen zu können, noch das ich das überhaupt wollte, um Gottes Willen. Was ich stattdessen machen möchte, ist auf dieser Infrastruktur einen weiteren Pfad aufzubauen (und auf Donna Haraway und so vielen anderen).
Und ich hoffe, dass ich Derrida nicht überleverage, wenn ich KL74 folgere, dass die Funktionsweise der "Semantik" der LLMs genau auf Derridas Konzept der "Iteration" abstellt:
Semantik basiert nicht auf irgendeinem Brain-Voodoo, sondern auf dem komplexen Verweisungsnetzwerk der Zeichen untereinander. Die LLM ist quasi ein statisches Modell des Dividuums, dessen Welt nur aus semantischer Infrastruktur und deren Pfadgelegenheiten nur aus Tokens und ihren Übergangswahrscheinlichkeiten besteht und das mit dem „Latent Space“ einen unterdimensionierten Abdruck der gesellschaftlichen Erwartungserwartungen bewohnt, aber dessen Orientierungswissen darin reicht, erstaunlich geschickt unsere semantischen Erwartungen zu navigieren.Die LLM ist kein Modell eines „Minds“, sondern ein Modell der Sprache; der topologischen Strukturen und Metastrukturen der Differenzen zwischen Äußerungen in einem Korpus, sie ist ein Snapshot der durch Iteration sedimentierten Spur von Bedeutungsverschiebungen, die Derrida unter „différance“ fasst. Hätten die Kognitivisten recht, könnte ChatGPT nicht so funktionieren, wie es funktioniert.
Kurz: das was ChatGPT funktionieren macht, ist nicht „Intelligenz“ sondern Sprache.
Der Kognitivismus und das Individuum sind keine belastbare Infrastruktur mehr. Ich empfehle, zu de-investieren.
Fulcrum-Hegemonie
Wenn ein zugriffliches Fulcrum weit verbreitet ist, dann haben es die mit den passenden Hebeln gut. Egal, wo sie gehen und stehen, ihnen stehen Pfadgelegenheiten offen. Die europäische Steckdosennorm, der ISO-Schiffcontainer, das DinA4-Format, die Anhängerkupplung, USB und heteronormative Beziehungen sind solche hegemonialen Standards, die vielen von uns das Leben erleichtern.
Gemein, dass ich heteronormative Beziehung mit hinein genommen, was? Aber es hilft, zu verstehen, dass jeder Standard den du als "gegeben", "universell" oder gar "natürlich" akzeptiert, immer auch Menschen ausschließt.
Jede Sprache schließt Menschen aus, jede Geste schließt Menschen aus, jede Plattformen schließt Menschen aus und dieser Ausschluss ist oft unabichtlich, aber oft ist er auch geleveraged.
Dennoch ist Hegemonie für viele Menschen nützlich, weil sie Orientierungspunkte schafft, die Erwartungskoordination vereinfacht und deswegen mehr Pfadgelegenheiten für alle Netzwerkteilnehmer*innen schafft.
Hegemoniale Fulcren, werden erwartet.
Aber am nützlichsten ist die Hegemonie immer für diejenigen, die die Infrastruktur kontrollieren. Sie können durch "Tweeks" in der Infrastruktur Verhalten steuern. Nicht auf der "individuellen Ebene" also nicht als Zombie-Agenten (Gehirnwellen gibt es nicht), sondern durch dividuelle Flow-Optimierung, algorithmische Incentives, Dark Patterns und generell dem Tüfteln an Übergangswahrscheinlichkeiten. Jedenfalls ist das, wie Plattformen operieren.
Im Raum der Semantik entfalten hegemoniale Begriffe, Konzepte, Theorien oder Subjektentwürfe ihre Macht noch bis weit über den Nutzen, den die Verfasser*innen daraus zogen, hinaus. Die Ideen der Großbürgerlichen und Sklavenhändler der "Aufklärung" strukturieren bis heute unsere Weltsicht, Diskurse und Argumente. Hegemoniale Narrative wie das Individuum, der Markt, die Aufklärung, der Liberalismus, etc. wurden in den letzten 300 Jahren heftig beliehen, um eine Matrix zu bauen, in der wir ständig erzählt bekamen, der Held der eigenen Geschichte zu sein, während die Hebel immer größer wurden, die sie an unserem Nacken anlegten.
Logik und Argumente
Syllogismus, relational materialistisch umformuliert, hört sich so an:
Ich beleihe die beiden Aussagen "Alle menschen sind sterblich" und "Sokrates ist ein Mensch" und nutze sie zusammen mit dem erwarteten Wissen um Logik als "Fulcrum", an dem ich meinen eigenen Sprechakt als Hebel anlege, um die Aussage "Sokrates ist sterblich" zu finanzieren.
Jetzt könnte man sagen: Jaha, aber die Aussage ist ja trotzdem "wahr"?
Dazu sage ich: Klar, es gibt Aussagen, die robuster finanziert sind, als andere Aussagen und "Logik" ist die Sammlung von in der Realität oft als richtig festgestellten Schlüssen.
Und dennoch: es gibt Angreifbarkeiten? Zweifle ich eine der beiden beliehenen Prämissen an, fällt das Konstrukt.
Es gibt Menschen, die anzweifen würden, dass alle Menschen sterblich sind und es gibt Menschen, die Sokrates für eine Fiktion halten. Der Schluss ist nur so viel wert, wie das Fulcrum beleihbar ist, aus dessen Kredit wir ihn schöpfen.
Und so ist das mit all unseren Aussagen/Argumenten?
Wenn ich etwas gegenüber jemanden argumentieren will, suche ist erstmal ein gemeinsames Fulcrum, auf dem ich hebeln kann, also Aussagen und Annahmen über die Welt, die ich und mein Gegenüber für "kreditwürdig" halten und dann versuche ich in diesen gemeinsam beglaubigten Bausteinen einen Pfad zu inszenieren, um meinen Punkt zu machen.
Wir bewegen uns nie außerhalb unserer Erwartungen, weswegen unsere Erwartungen der "Blinde Fleck" unserer Perspektive ist.
Aber wenn man Weltwahrnehmung auf der Ebene der Erwartungen rendert, werden alle Aussagen zu "Wetten". Wetten darauf, dass die eingesetzten Semantiken genug durch Realität "gebackt" sind, aber eigentlich und vor allem, dass sie von den Rezipent*innen "akzeptiert" werden.
Wirklichkeit
Wirklichkeit ist – einerseits das Portfolio an "belastbaren" Erzählungen über die Welt, in die ein Dividuum investiert ist.
Jede Beobachtung, die wir machen, leveragen wir anhand und entlang unseres Wirklichkeits-Portfolios. Aufmerksamkeit erhascht vor allem die Abweichung der erwarteten Pfade, denn eine Information ist erst dann eine Information, wenn sie einen Unterschied macht (Gregory Bateson).
Weil wir keine Individuen sind, die die Welt beobachten, sondern Dividuen, die andere (tot oder lebendig) beobachten, wie sie die Welt zu beobachten, besteht unser gesamtes Wirklichkeits-Portfolio aus gesellschaftlich mehr oder minder ausgetreten Pfaden, also oft und vielfältig beliehene Fulcren.
Wirklichkeit – gesellschaftlich verstanden – ist also auch das Aggregat gemeinsam beschrittener semantischer Pfade, also die Struktur sich überschneidender Portfolios, an denen verteilte Dividuen ihre Beobachtungen und Kommunikationen leveragen.
Wirklichkeit ist die wechselseitig beglaubigte Realitätsbeschreibung, in der wir leben. Sie ist zweifach "gebackt", einerseits durch die eigene Erfahrung und andererseits durch die erwartete Erwartungskontinuität der anderen.
Die meisten und vor allem Grundlegensten Erzählungen, in die wir investiert sind, sind die, die uns nicht bewusst sind, dass wir sie haben. Würde man uns darauf ansprechen, wären wir überrascht, dass diese Erzählung überhaupt zur Debatte steht, weil wir sie eher unter "Kausalität" gespeichert hatten, statt als Erzählung/Übergangswahrscheinlichkeit.
Das hat den einfachen Grund, dass viele unserer grundlegenden Erzählungen so alt und allgegenwärtig sind, dass wir aufgehört haben, sie als Erzählungen zu erkennen.
Wir alle werden in einem konkreten Ort in der Matrix geboren. Die Erzählungen mit denen wir aufwachsen, mit denen unsere Eltern aufgewachsen sind, mit denen alle um uns herum aufgewachsen sind, bilden die "Wirklichkeit", wie sie uns gegeben ist.
Erst mit der Zeit fängt man an (wenn überhaupt) einige der Erzählungen in Frage zu stellen. Sei es, dass man auf bereits ausgelegte kritische Pfade gelangt, die einem die Erzählung unplausibel macht, sei es, dass wir sie nicht mehr mit der eigenen Erfahrung Backen können und uns auf die Suche nach alternativen Pfaden machen.
Wenn du aus der Matrix ausbrechen willst (aus einem bestimmten Strang in der Matrix, ganz verlassen können wir sie nie) brauchst du immer beides: Die Erfahrung des Zusammenbruch des Pfads auf dem du bist und die Möglichkeit einer gesellschaftlich viablen Pfadalternative.
Öffentlichkeit
In Krasse Links No 23 führe ich für die vernetzte Öffentlichkeit das Bild eines Trommelkonzerts ein.
Stellen wir uns 1000 Trommelnde vor, jeder trommelt seinen eigenen Beat: Ein großes Krachkonzert. Jeder hört den Beat seiner jeweiligen Nachbar*innen und wird unwillkürlich versuchen, sich zu synchronisieren. Es bilden sich kleinere und größere Beat-Cluster, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben. Und nach noch etwas mehr Zeit wird sich ein hegemonialer Beat herauskristallisieren, also das, was Bruce Sterling das „Major Consensus Narrative“ nennt. Nebenher gibt es viele ähnliche, aber abweichende Rhythmen und einige echt schräge Töne; doch der Hauptbeat übertönt alles.Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die 1000 Trommeln unterschiedlich groß sind. Nur die wenigsten verfügen über die Möglichkeit eines Paukenschlags. Die meisten trommeln auf ihren Bongos den Rhythmus der Pauken nach oder versuchen, durch einen besonders originellen oder geschmeidigen Beat viral zu gehen. Doch unter dem Strich wird der „Major Consensus Beat“ in 8 von 10 Fällen durch diejenigen mit den großen Trommeln vorgegeben.
Jeder Trommler/jedes Medium trommelt mit seinen newsnarrativen Hebeln auf dem zugrifflichen Fulcrum seiner Reichweite und versucht durch Erwartungserfüllung und Durchbrechung die Aufmerksamkeitsströme zu erhaschen und mit seinen Narrativen zu koppeln. Man kann keinen beliebigen Beat anstimmen, sondern muss sich an dem umliegenden Beat / den umliegenden erwarteten Narrativen orientieren und trotzdem hinreichend unterschiedliche Variationen trommeln, um die Aufmerksamkeitströme zu halten.
Medien sind Resonanzverstärker in einer dynamischen Übergangsmatrix aus narrativen Pfad-Aktualisierungen. Einerseits berichten sie über Ereignisse und gleisen damit Narrative auf, anderseits agieren sie niemals unabhängig voneinander. Niemand konsumiert so viele andere Nachrichten, wie Journalist*innen und alle Medien schauen einander die Schlagzeilen ab. Denn wichtig ist, was andere wichtig finden.
Neben den Reichweitefulcren, die als Degree Zentralitäten herausragen, gibt es noch die sogenannten "Leitmedien", die nicht unbedingt eine große Reichweite haben, aber eine hohe Eigenvektor-Zentralität innerhalb des Journalistischen Aufmerksamkeitsnetzwerks genießen, sei es, weil sie oft Exklusivmeldungen haben, dass sie Meldungen besonders verlässlich sind, oder sei es, weil da einfach die Aufmerksamkeit immer schon war. In Deutschland ist das zum Beispiel die FAZ, die Bild, die Sueddeutsche und DPA.
Die reichweitestarken Medien regeln untereinander welche existierenden Beats wie laut gespielt werden, aber es sind oft die Leitmedien, die einen neuen Beat aufgleisen.
Die so aufgegleisten narrativen Pfade strukturieren unsere Weltwahrnehmung.
Narrative versprechen, die Entropie der Zukunft zu entstören, indem sie die Gegenwart entlang von populären Pfaden weitererzählen. Narrative sind wie Beats, sie ordnen die Zeit und sind dabei sozial ansteckend. Man lernt den Rhythmus, übt ihn ein und führt ihn fort.
Beide, das Narrativ und der Beat strukturieren die Zeiterwartung des Dividuums und im relationalen Materialismus geht es deswegen häufig darum, den Beat hinter den Tanzmoves zu erkennen.
Wissen
Wenn man in den ganz alten Texten, wie der Bibel oder frühe Niederschriften von Sagen und Mythen liest, findet man da alle möglichen widersinnige Details, wie wer mit wem verwandt ist oder wieviel Ziegen für ein Schaf getauscht wurden, und wie man ein Kalb schlachtet und so.
Und die einfachste Erklärung dafür ist, dass diese Texte nicht nur Religiösen Nutzen hatten, sondern ein Fulcrum für die Verbreitung gesellschaftlich nützlichen Alltagswissens waren.
Jedes Wissen braucht ein Fulcrum. Also wiederum ein anderes "Wissen" + ein materielles Medium (Wetware/Hardware), das du beleihst, um informationelle Infrastruktur anzuschließen.
Im Neuen Spiel definierte ich über Wissen so:
Wir verwenden die Begriffe Daten, Informationen und Wissen im Kontext von Informationsökonomie und -gesellschaft in diesem Buch wie folgt.Information ist der wesentlichste Begriff in dieser Gruppe. Der Philosoph Gregory Bateson definiert sie genial einfach: »Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.« Das klingt erst einmal kryptisch, ist aber sehr schlüssig, gerade wenn die Definition mit den Begriffen »Daten« und »Wissen« verbunden wird.
Daten begreifen wir als den ersten Unterschied in dieser Definition. Daten sind Unterschiede. Sie sind alles, was sich mittels der Unterscheidung zwischen Null und Eins ausdrücken lässt. Das bedeutet, Informationen bestehen aus Daten, und wir können festhalten: Informationen sind Daten, die einen Unterschied machen. Doch wie und wo machen diese Daten einen Unterschied, wo finden wir Unterschied Nummer zwei?
Systemtheoretiker sagen an dieser Stelle: im System – im psychischen oder sozialen System. Wir wollen den Systembegriff aber lieber ausklammern und sagen gleich »im Wissen«. Wissen ist für uns ein Netz aus Informationen. Wissen besteht aus Informationen, die mit anderen Informationen verknüpft sind. Mein Büro ist am Weichselplatz, der Weichselplatz ist in Neukölln und hat eine Wiese, auf einer Wiese wächst Gras, und so weiter.
Daten sind also Information, wenn sie im Wissen einen Unterschied machen. Und das sieht so aus: Eine Information knüpft sich an das Wissen an, sie wird Teil des Netzwerkes. Sie kann jedoch nur anknüpfen, wenn sie anschlussfähig ist. Wenn ich höre, dass Robin Williams gestorben ist, ihn aber nicht kenne, dann ist das zwar ein Datum (Singular von Daten), aber keine Information. Erst wenn ich weiß, dass Robin Williams ein berühmter Schauspieler war und ich vielleicht schon Filme mit ihm gesehen habe, dann wird das Datum seines Todes überhaupt zur Information.
Eine Information ist also immer nur eine Information im Zusammen-hang mit einem bestimmten Wissen. Das Wissen von Menschen ist unterschiedlich. Was für den einen eine Information ist, ist für den anderen bloßes Datum. Daneben gibt es noch das gesammelte Weltwissen, das Wissen der Medizin, das Wissen der Rechtswissenschaft oder das Wissen der Wunderheilung. Wir verwenden den Begriff Wissen nicht im aufklärerischen Sinn – als gerechtfertigte, wahre Meinung –, sondern bezogen auf ein konkretes Netz aus Informationen – egal, ob diese der Wahrheit entsprechen. Wir implizieren, wenn wir von Informationen sprechen, dass es ein Wissen gibt, an das diese Information anschlussfähig ist, und zwar auch dann, wenn wir dieses Wissen nicht konkret benennen. Die Trias Daten, Information und Wissen lässt sich so zusammenfassen: Informationen sind Daten, die an ein Wissen anschlussfähig sind.
Heute kann ich genauer Sagen: das bereits vorhandene Wissen ist das Fulcrum, mit dem durch den Hebel der Beobachtung (Datenaufnahme) neues Wissen geleveraged wird (zu Information verarbeitet wird/an das Wissen angeschlossen wird). An jedem Wissen kann man nur bestimmte Information anknüpfen (zugriffliches Fulcrum), nicht jedes Wissen lässt sich für jeden Unterschied beleihen. Wenn meinem Wissens-Portfolio für ein bestimmtes Datum das passende zugriffliche Fulcrum fehlt, kann ich das Datum nicht als Hebel daran ansetzen.
Informationelle Entropie (Shannon Entropie) ist – aus Userperspektive – der Zustand, wo entweder keine Unterscheidungen mehr getroffen werden können, weil alles gleich ist – der Unterscheidungs-Hebel findet keinen Zugriff, oder aber so viele Unterschiede vorliegen, dass sie keinen Unterschied mehr machen – der ansetzbare Unterscheidungshebel findet keinen Halt. Negative Entropie = aus einer Perspektive "leveragebare" Unterschiede.
Was Shannon nicht bedachte: Information benötigt immer eine Perspektive, denn eine Information ist nur eine Information, wenn sie ein Unterschied für ein "Wissen" macht.
Das KontaktzonenFulcrum des Wissens
Dass jedes Wissen ein materielles Fulcrum braucht, hat auch Jan Assmann in seinem Buch: Das kulturelle Gedächtnis gezeigt: Vorschriftliche Kulturen verankerten ihre Mythen, Götter und Erzählungen an materiellen "Landmarks", wie Berge, Täler, Flüsse, Seen und Meere. Die Juden waren vielleicht nicht die ersten, die schrieben, aber sie waren die ersten, die Schrift leveragten, um ihre Kultur im "Exodus" zu reproduzieren.
In Tom Standages "Writing on the Wall: Social Media—The First 2,000 Years" erfahren wir, dass das frühe Christentum das römische Postsystem leveragte, um eine dezentrale und weit verstreute "Gemeinden"-Struktur synchron zu halten.
Dort erfahren wir auch von den Effekten der Buchpresse und dass die frühe Viralität von Luthers gedruckten Pamphleten, das Aufmerksamkeit-Fulcrum war, das der Protestantismus leveragte, um sich zu verbreiten.
Aber all diese Beispiele leveragten noch etwas anderes: Die Erwartungskontinuität der etablierten Strukturen, die gegenüber den neuen Formen sozialer Organisation keine passende Antwortstrategien vorliegen hatten.
Dasselbe passiert gerade mit dem Internet. Die Stärke der Veränderung unserer Welt resultiert nicht von vornherein durch die "Macht des Internets", sondern vielmehr aus unserer Unvorbereitetheit auf das Verhalten neuer Wissensformationsnetzwerke, die über ungekannte Umwege neue semantische Hegemonien herstellen. Wir sind noch zu blind gegenüber den Mechanismen, denen wir ausgesetzt sind – auch, weil uns noch die Sprache dafür fehlt, also die Unterscheidungen und Konzepte, die es erlauben, sich im Netzwerk zurechtzufinden.
Der "relationale Materialismus" ist auch der Versuch, in dieser neuen Welt die "situational Arwareness" wiederzuerlangen.
Zum Weiterlesen
- Hier geht es zum Pfadgelegenheiten-Explainer
- Hier geht es zum Hebel:Fulcrum-Explainer
- Hier geht es zum Explainer der Politischen Ökonomie der Pfadgelegenheiten
- Hier geht es zum Relationalen Materialismus-Explainer.
- Hier geht es zum Dividuums-Explainer
- Hier geht es zum Interdependenz-Theorie und Machtformel-Explainer.